THW trotzt Überraschungen: Kieler Saison-Torrekord beim Kantersieg in Stuttgart

Bundesliga

THW trotzt Überraschungen: Kieler Saison-Torrekord beim Kantersieg in Stuttgart

10. Februar 2022

Die Rückkehr in den Handball-Alltag nach der Europameisterschaft ist aus sportlicher Sicht vollauf geglückt: Dem Pokaltriumph bei den Rhein-Neckar Löwen ließ der THW Kiel am Donnerstagabend auch in der LIQUI MOLY Handball-Bundesliga einen deutlichen Sieg folgen. In der Porsche-Arena von Stuttgart setzten sich die kurzfristig von Co-Trainer Christian Sprenger geführten Zebras gegen den Tabellen-16. TVB Stuttgart mit 42:29 (22:11) durch und festigten Rang zwei in der Tabelle. Beste Kieler Torschützen einer über 60 Minuten überzeugenden Mannschaft waren Patrick Wiencek (9), Rune Dahmke (8) und Steffen Weinhold, der sechsmal ins Schwarze traf. Für die chancenlosen Stuttgarter traf Jerome Müller (5) am besten.

Schwierige Vorzeichen

Acht Treffer bejubelte allein Rune Dahmke

Die Partie in Stuttgart stand unter schwierigen Vorzeichen: Torhüter Niklas Landin fehlte coronabedingt erneut, zudem meldete sich Abwehrchef Hendrik Pekeler – zuletzt überragend bei den Löwen – am Spieltags-Morgen mit einem positiven Covid19-Test ab. Dann erwischte es auch noch den Cheftrainer: Filip Jicha konnte nach einem positiven Schnelltest seiner Mannschaft nicht zur Seite stehen. Für ihn übernahm Co-Trainer Christian Sprenger kurzfristig die Verantwortung an der Seitenlinie. Und er machte es, wie Kapitän Domagoj Duvnjak befand, “überragend. ‘Sprengi’ hat uns vorher in aller Ruhe erzählt, wie wir spielen sollen. Und das haben wir umgesetzt.” Immerhin war Harald Reinkind nach seiner Covid-Pause zurück im Kader. Der Norweger kehrte nach seiner Corona-Infektion und dem Absolvieren des internistischen und kardiologischen Untersuchungs-Programms zurück in den Kreis der Mannschaft.

Kieler Vollgas-Handball

Überragend: Patrick Wiencek erzielte neun Treffer – einen davon sogar mit links!

Die Zebras gaben in der Porsche-Arena von der ersten Minute an Vollgas, spielten die Abwehr der Stuttgarter schwindelig. Hatten die Gastgeber zwei Tage vor Heiligabend in der Kieler Wunderino-Arena dem THW bis Mitte der zweiten Halbzeit noch die Stirn geboten, gar bis zur 43. Minute in Führung gelegen, so fand die TVB-Abwehr zu Beginn überhaupt nicht statt. 6:1 stand es nach sieben Minuten für den THW, dreimal Steffen Weinhold, zweimal Rune Dahmke und Patrick Wiencek sorgten bei einem Gegentor von Lönn für die schnelle THW-Führung. Und die Kieler Tormaschinerie arbeitete weiter auf Hochtouren: Domagoj Duvnjak, Patrick Wiencek, zweimal Nikola Bilyk und Niclas Ekberg schraubten das Ergebnis nach 16 Minuten auf den 12:3-Zwischenstand. Anlass genug für Stuttgarts Trainer Roj Sanchez, seine Mannen bereits zur zweiten Auszeit zusammenzurufen. Der Spanier appellierte gar an die Ehre seiner Spieler, forderte sie auf, dagegenzuhalten.

Deutlicher Pausen-Vorsprung

Ein vergebliches Bemühen, die Kieler blieben weiter auf dem Gaspedal, gossen ihre Abwehr weiter in Beton, hatten mit Landin-Ersatz Dario Quenstedt einen guten Rückhalt im Tor und als Patrick Wiencek den Ball in der 23. Minute zum 17:7 ins leere Stuttgarter schleuderte, war die erste Kieler Zehn-Tore-Führung perfekt. Dass die Zebras richtig Spaß an der einseitigen Partie hatten, demonstrierten sie dann fast mit dem Pausenpfiff, als Sander Sagosen Sven Ehrig mustergültig bediente und Kiels junger Rechtsaußen den Ball per Kempa zum 22:11-Halbzeitstand ins Stuttgarter Netz drosch.

Zebras hatten richtig Spaß

Spiel hatte Hand und Fuß: Domagoj Duvnjak führte Regie

Die zweite Halbzeit? Stand aus Stuttgarter Sicht unter dem Motto, eine noch höhere Ergebnis-Katastrophe zu verhindern. Aus Kieler Sicht: Weiter Spaß haben, aber das Ergebnis im Auge zu behalten. Die Zebras hatten weiterhin Spaß. Legten durch Steffen Weinhold in der 36. Minute beim 27:14 erstmals 13 Tore vor, ehe Sven Ehrig beim 30:15 (40.) die höchste THW-Führung schaffte. Der Schlendrian schlich sich dennoch nicht lange ein ins Kieler Spiel. Die Abwehr, in der Pavel Horak Hendrik Pekeler glänzend vertrat, kämpfte weiter um jeden Ball. Vorne wurde gezaubert. Traumhaft die Anspiele von Sander Sagosen an seine Mitspieler, überraschend das Tor von Patrick Wiencek zum 29:15 mit links (!), großartig die Balleroberungs-Flugeinlage von Rune Dahmke, der nach geglückter Flugrolle Sven Ehrig bediente, der die Show seines Kollegen schließlich mit dem 41:27 vergoldete.

Youngster treffen und halten

Spaßhandball in Abwehr und Angriff: Sander Sagosen und Patrick Wiencek

Christian Sprenger besann sich zudem auf seine Youngster, schickte Kreisläufer Leon Ciudad in der 47. Minute auf die Platte. Der 20-Jährige dankte seinem Coach mit drei sehenswerten Toren vom Kreis, in der 52. Minute kam dann auch Torhüter Philip Saggau, ebenfalls 20 Jahre jung. Zwei Paraden steuerte Kiels Nachwuchskeeper zum letztlich beeindruckenden Auswärtssieg bei. “Das war ein völlig verrückter Tag”, schüttelte Duvnjak, der mit seinem Rückhand-Anspiel auf Ciudad die schönste Aktion des Spiels ablieferte, nach der Partie den Kopf, “wir haben uns heute geschworen, noch enger zusammenzustehen und hier trotz allem Gas zu geben. Das haben wir dann gemacht.” Am Ende standen 42 eigene Tore zu Buche – so oft hatten die Zebras in dieser Saison zuvor in keinem Spiel getroffen. Doch Duvnjak wäre nicht Duvnjak, wenn er den Blick nicht sofort wieder nach vorn richten würde: “Sonntag wartet beim BHC eine schwere Aufgabe auf uns.”

Text: Reimer Plöhn / Fotos: Bildermacher Sport/Jens Körner

LIQUI MOLY HBL, 19. Spieltag: TVB Stuttgart – THW Kiel: 29:42 (11:22) 

TVB Stuttgart: Pesic (1.-10. Und 1 Siebenmeter, 1 Parade), Vujovic (10.-60., 6 Paraden); Häfner (2), Runarsson (1), Weiß (1), Hanusz (2), Lönn (4), Schulze (3), Augustinussen, Zieker (2), Müller (5), Pfattheicher (4), Peshevski (4), Kristjánsson (1/1); Trainer: Sanchez
THW Kiel: Quenstedt (1.-52., 7 Paraden), Saggau (52.-60., 2 Paraden); Ehrig (4), Duvnjak (1), Sagosen, Reinkind (2), M. Landin (n.e.), Weinhold (6), Wien¬cek (9), Ekberg (4/4), Ciudad (3), Dahmke (8), Zarabec, Horak, Bilyk (5); Trainer: Sprenger

Schiedsrichter: Ramesh Thiyagarajah/Suresh Thiyagarajah
Zeitstrafen: TVB: 2 (Häfner (27.), Müller (33.)) / THW: 3 (Ehrig (17.), Sagosen (24.), Weinhold (41.))
Siebenmeter: TVB: 1/1 / THW: 4/3 (Ekberg an die Latte (20.))
Spielfilm: 0:2 (2.), 1:2, 1:6 (7.), 3:7, 3:12 (16.), 6:13 (17.), 6:15 (20.), 7:18 (24.), 9:20 (27.), 11:22;
12:22 (31.), 14:24, 14:27 (36.), 15:30 (40.), 17:32, 19:32 (44.), 22:33 (47.), 22:35, 24:36, 26:36 (52.), 26:39 (54.), 29:42.
Zuschauer: 2411 (Porsche Arena, Stuttgart)

Stimmen zum Spiel: 

THW-Trainer Christian Sprenger: Es war ein Tag voller Überraschungen. Er fing mit den positiven Tests an, die heute leider irgendwie dazu zu gehören scheinen. Aber das ist eine Sache, auf die sich alle Mannschaften einzustellen haben. Ich möchte meine Rolle nicht überbewerten, Filip war an der Vorbereitung maßgeblich beteiligt. Wir wussten, dass diese Situation irgendwann kommen kann. Und ich wusste, dass ich eine super Mannschaft zur Verfügung habe. Meine Jungs haben das überragend gemacht, einen richtig, richtig guten Handball gespielt. Alles in unserem Spiel hatte Hand und Fuß. Die Jungs haben sich richtig in den Flow gespielt, und dann kommt auch solch ein Ergebnis zustande.

TVB-Coach Roi Sanchez: Zwei Dinge haben zu diesem Ergebnis geführt: Erstens war unsere Abwehr schwach, zweitens war Kiel überragend. In der ersten Halbzeit hat der THW null technische Fehler gemacht. Überrascht hat mich die Schwäche unserer Abwehr. Den ganze Winter-Vorbereitung über haben wir uns gut bewegt, die Testspiele alle unter 30 Gegentoren abgeschlossen. Es scheint, dass wir ein mentales Problem im Wettkampf haben, auch wenn die Mannschaft bis zum Ende gekämpft hat.

THW-Kapitän Domagoj Duvnjak: Das war ein verrückter Tag für uns. Peke war nach dem Spaziergang um 11 Uhr weg. Erst war Filip noch da, nach dem Mittagessen dann schon nicht mehr. Wirklich verrückt, aber wir leben in einer verrückten Zeit. Man weiß nicht, was morgen passiert. Wir müssen einfach weitermachen. Wir haben uns heute geschworen, noch enger zusammenzustehen und hier trotz allem Gas zu geben. Das haben wir dann auf dem Spielfeld auch gezeigt. ‘Sprengi’ hat das überragend gemacht. Es war nicht leicht für ihn. Aber er war ganz locker, hat uns vor dem Spiel die Taktik gesagt – und die hat dann ja auch gut geklappt. Jetzt stehen wir vor einer schweren Aufgabe am Sonntag.

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